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19.01.2012

Michael Lerchenberg und Karl Valentin

Michael Lerchenberg
Michael Lerchenberg

Michael Lerchenberg lässt am Schafferhof Leben und Schaffen Karl Valentins wieder lebendig werden 

"Mögen hätt' ich schon wollen, aber dürfen hab' ich mich nicht getraut." Das ist eines der geflügelten Worte, die Karl Valentin berühmt gemacht haben. Zugleich ist es eines, das den Sprach-Anarchismus des Wort-Zerklauberers aus der Münchner Au unsterblich machten. Michael Lerchenberg, der sich auch als Intendant der Luisenburg-Festspiele berufen fühlt, bayerisches Kulturerbe in seiner ganzen Fülle und Farbigkeit zu pflegen, hat am Donnerstag im Schafferhof das Andenken an Karl Valentin aufgefrischt. Jost H. Hecker vom "Modern String Quartett" begleitete virtuos die Valentinade musikalisch, sang selbst das eine oder andere Couplet. 

Der sprachspielerische Anarchismus, der in einer Zeit, als sich das Preußen der Wilhelminen und das Bayern des Prinzregenten schon in Agonie befanden, hatte seinen Ursprung in der Jugend dieses Mannes, der schon durch seine hagere Gestalt jeder Vorstellung bayerischer Gemütlichkeit und bayerischen Wohlbefindens widersprach. Als letztes überlebendes von drei Kindern des Speditionsunternehmers Fey wächst der Knabe in der Münchner Au heran und wird dort, so berichtet Lerchenberg, schon als Kind zum Bürgerscheck. 

Lerchenberg gibt die Geschichte zum Besten, in der der Knabe Valentin Ludwig Fey (das war sein richtiger Name) wenigstens dreißig Buben mit selbstgebasteltem Werkzeug tätowiert - eine blutige Angelegenheit, wie berichtet wird. Ein andermal schneidet er Nachbarskindern die Haare mit einer Rossschere. Weitere (Un)taten des Buben sind gleichsam dokumentiert in dem Film "Die Abenteuer des Knaben Karl". Da geht es vor allem um seine Aktionen gegen Leute, die seinem Vater, dem Fuhrunternehmer, schaden wollen. 

So bronzen wie sein Denkmal auf dem Münchner Viktualienmarkt, so grau und irgendwie auch unscheinbar, wie man ihn lange in Erinnerung hatte, war Valentin auch als Heranwachsender nicht. Immerhin - er hatte seine Schreinerlehre abgeschlossen und arbeitete als Facharbeiter - erlernte Valentin das Komiker-Geschäft wie ein Handwerk. 

Er konnte nicht weniger als 15 Instrumente spielen. Mit seinem selbstgebauten Orchestrion hätte er leicht auch jenes Orchester ersetzen können, das er in seiner Szene "Die Orchesterprobe" zum Gegenstand des Spotts machte. Lerchenberg versteht es, die Atmosphäre einer solchen Veranstaltung herbeizuzaubern. Man kann sich den hageren Musiker, der den Dirigenten zur Verzweiflung bringt, wirklich gut vorstellen. Valentin - man traut es ihm eigentlich gar nicht zu - war der holden Weiblichkeit durchaus zugeneigt. Er heiratete 1911 Gisela Royes, eine Angestellte seines Vaters, und hatte mit ihr zwei Töchter. Das hielt ihn aber nicht davon ab, auch mit anderen Frauen Beziehungen zu pflegen. Eine von ihnen war seine berühmte Partnerin Liesl Karlstadt, die er im Jahr seiner Hochzeit kennengelernt hatte. Eine andere, die erst 14 Jahre alte Annemarie Fischer, bescheinigt Valentin, dass er nicht nur als Komiker und Musikclown eine gute Figur mache, sondern auch als Liebhaber. 

Die Ehe ist Valentins großes Thema in vielen seiner Couplets. Er ist im Grunde des Erste, der dieses Thema zum Gegenstand humoristischer Spitzfindigkeiten macht. In einem seiner Lieder lässt er sich darüber aus, nennt sich selbst einen "guten Mann" und seine Frau, die ihn immer wieder in die Realitäten des Alltags zurückholen muss, eine "gute Sau". An anderer Stelle nennt er sich auch "die Brennnessel unter den Liebesblumen". Die Couplets zum Thema "Mann und Frau" sind allesamt geprägt von einer unglaublich notorisch-spitzfindigen, die Sprache zerklaubenden Rechthaberei. Lerchenberg liest Valentins Text über eines seiner ersten Rendezvous mit einer Frau in einem dunklen Möbelwagen. Es geht darin vor allem - geradezu unerotisch - um die Wahrnehmung an sich, er endet mit der haarsträubenden Bitte: "Halt dir mal die Ohren zu, ob i di riech'." 

Valentin hat sich übrigens nicht mir den Nationalsozialisten eingelassen, hat sich nicht öffentlich geäußert, was ihn nicht daran hinderte, sich den einen oder anderen Scherz zu erlauben wie diesen: "Heil ... heil ... heil - wie heißt er denn gleich?" Interessanter für den Spötter aus der Au sind die Alltagsbeobachtungen und seine Sorge um die Veränderungen in seiner Stadt. Den Politikern - auch den heutigen - gibt er als Beitrag zur Debatten- und Streitkultur allerdings diesen Satz mit: "Es ist alles gesagt, aber noch nicht von jedem." 


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