Start: Schafferhof / Highlights
26.03.2019

Aktuelle Events

Kalender

Archiv

Schafferhof Highlights

28.02.2011

Ottfried Fischer und seine “Heimatlosen“

Ottfried Fischer und seine “Heimatlosen“
Ottfried Fischer und seine “Heimatlosen“

Neuhaus. (apz) Zuerst ein reuiges Geständnis: “Die ersten 126 Seiten meiner Begrüßungsrede für den Auftritt im Schafferhof habe ich abgekupfert.“ Brüllendes Gelächter im Saal - und schon hatte Ottfried Fischer gewonnen. Die hochaktuelle Affäre um den Verteidigungsminister zog sich am Mittwochabend als Running Gag durch das satirische Programm, das insgesamt 300 Besucher bestens unterhielt. “Unter uns: net schlecht!“, lobte wiederum der Niederbayer - seiner bescheidenen Natur nach schon fast überschwänglich - das gute Oberpfälzer Zoigl.
Von Anastasia Poscharsky-Ziegler

Der Genuss von Fischers bajuwarisch-deftiger Kabarettlesung wurde durch die hervorragende Begleitband “Die Heimatlosen“ mit Weltmusik noch gesteigert. Trompeter Claus Reichstaller (Professor an der Münchner Musikhochschule), der Passauer Tubist Leopold Gmelch, der Akkordeonist und Komponist Christian Ludwig Mayer (der schon mit Giora Feidman gearbeitet hat) sowie der aus Panama stammende Perkussionist César Granados boten einfach alles: vom Schuhplattler bis zur Oper, von der Bayernhymne bis zum Kirchenlied, von der Oktoberfest-Wiesn bis in die “Baker Street“. Granados entfachte auf seinem Cajón sitzend ein Latinofeuerwerk mit Chimes, Güiros und Timbales - und überraschte darüberhinaus noch mit einer Fidel-Castro-Parodie.

“Outdoor Urinating“

Doch das geschliffene Wort und die scharfe Zunge Ottfried Fischers standen diesen fulminanten Eindrücken in nichts nach. Nach dem erbrachten Beweis seines unnachahmlichen Improvisationskönnens angesichts der Mikrofonprobleme rückte Fischer in seinem bunten Sammelsurium aus Texten und Anekdoten die Vorstellung seines Buches “Extrem bayrisch“ (Südwest Verlag) ins Zentrum.

Zu Fotos von Roger Fritz zeigt sich Fischer hier als “etwas anderer Heimatdichter“ und zerkratzt das hochglänzende Bayernidyll tüchtig: Von den Dekolletés der Designerdirndl, für die sich der Kabarettist eine Trachtenpolizei wünscht, über das “Outdoor Urinating“ der Bierzeltgäste über den Münchner Grantler bis hin zu krachledernen Schuhplattler-Machos karikiert der Kabarettist hier wortgewaltig den weiß-blauen Kult. Aus seiner bedächtigen Langsamkeit befreit sich der Redner immer wieder zur Kunstfertigkeit eines staccato presto, bei dem man gar nicht schnell genug mithören kann.

Doch ganz am Ende beweist der sympathische Pfundskerl endgültig, was ihn von den gefeierten Kaspern und Blödlern seiner Zunft wohltuend unterscheidet: Mit altgriechischen Zitaten philosophiert er über Plato und Aristoteles, gelangt über Kritiken von Kurt Tucholsky und Lion Feuchtwanger zu Karl Valentin und dessen feinem Humor, der, trauert Fischer betroffen, “wahrscheinlich auch heute nicht ankommen würde“.

Und dann ergänzt er sanft: “Er war der große Sohn Münchens, den seine Heimatstadt nach Ende des Krieges verhungern ließ“. 

Kommentare

Sie müssen zum Kommentieren angemeldet sein. Bitte anmelden oder registrieren.

Zurück